Montag, März 31, 2008

Die Stadt Porto und ihr Reichtum. Die Großkaufleute und der Welthandel

Ein Schiff geht in Porto vor Anker
-Quelle: Porto XXI-

Bis ein Schiff allerdings die Berechtigung bekam, am Zollhafen Anker zu werfen, war einige Zeit vergangen.
Jedes Schiff mußte nämlich zuallerrst an einer Quarantänestation Barra inmitten des Flusses Douro in Sichtweite zwischen Meer und Stadthafen haltmachen und eine Inspektion durch Kontrolleure geschehen lassen.
Die Dokumente dieser als neutrale gesundheitspolizeiliche Vorschrift getarnten, in Wirklichkeit der Ausspionierung dienenden Maßnahmen Visita de Saúde - heutzutage Statistische Erfassung genannt- sind uns überlieferte wichtige historische Zeugnisse des Welthandels.

Die Zuckerbarone Europas
haben in Porto ihre Zentrale

Mestre (Kapitän) Gonçalo Vaz
genannt "Barba Leda" (Lustiger Bart)
trifft aus Brasilien in Porto ein
1.666,5 arrobas Zucker
(arroba = 20 kg)
33, 5 t

Ladeliste des Schiffes
S. Joao,1578

Quelle:
Arquivo Distrital do Porto
ADP, Archiv des Landkreis Porto


Die Namensliste der Frachtempfänger ist das Who is Who im Internationalen Zuckerhandel und sie alle haben ihre Geschäftsadresse in Porto.
Gleiches gilt für Ladungen, die in Lissabon gelöscht werden.
Dort steht dann immer ein Bevollmächtigter aus Porto zur Kontrolle parat.
Porto -eigentlich O PORTO (Der Hafen)- ist der größte Importhafen Euopas für Zucker.
Hier in Porto arbeiten die Clearingbanken eines weitverzweigten Handelsnetzes.

Das Jahr 1578, als Käpten Lustiger Bart im (eigentlich nicht "in") Porto eintrifft, scheint für alle Kaufleute ein katastrophales Jahr zu werden.
König Seabastian beschlagnahmt sämtliche Schiffe unter portugiesischer Flagge, um seine Truppen und Söldner nach Marokko zu transportieren, wo er die Schlacht von Alcacer Quibir siegreich schlagen will.
So schnell es möglich war, haben die Kaufleute daher Schiffe aus Nordeuropa für teuer Geld chartern müssen.

Die Schlacht von Alcácer Quibir wird für Portugal eine Katastrophe.
Woher die vom siegreichen Sultan für die gefangenen Adligen ungeheuren Lösegeld Summen aufbringen, ohne zu stehlen ?
1580, Portugal verliert zu allem Übel zwei Jahre später seine staatliche Unabhängigkeit und wird zwar nicht eine spanische Provinz aber der König Spaniens Philipp II. ist jetzt auch gleichzeitig (hier Philipp Nr I !) König im Königreich Portugal.

Für Porto beginnen Goldene Zeiten

Der neue König Portugals, der im fernen Madrid residiert, ist richtig froh, daß es die internationalen Handelsfamilien und Banken in Porto gibt.
König Phlipp II/I muß Schiffe bauen und seine luso-spanischen Soldaten überall in Europa bezahlen.
Die Lösegeldsummen sind inzwischen auch dem Sultan überwiesen und dem portugiesischen Volk geht es so schlecht wie schon lange nicht mehr....

Estaleiro do Ouro
(Werft des Goldes)
Ein Bootsrumpf beim Kalfaterer (Pecher)
in der Werft von Porto

Foto der Werft des Goldes
im Jahr 1945

Zé Ferrugem (Der Rostjosi)
auch genannt:
Tenor Metalurgico
(Der Heldentenorschlosser)
-nicht im Bild !-
singt traumhaft schöne Verdi Opern
bei seiner Arbeit

daß alle Passanten schweigen....


Aktueller Anblick.....Schrottplatz Schiffsfriedhof....
Die einst weltgrößte Schiffswerft
der Gemeinde Lordelo do Ouro
nur noch ganze zwei Sätze wert !!

Wie baut man Schiffe ?
Zuerst muß man sich Holz beschaffen. Das gibt es in Portugal. Man holzt die Eichen, mit deren bolotas (Eicheln) die Bauern ihre Schweine und zu Mehl gemahlen auch sich selbst ernähren, kurzerhand ab und fragt nicht weiter.....
Die Masten muß man sich aber aus Nordeuropa besorgen, denn in Portugal wachsen keine hohen Bäume.
Die Eisenteile sind das größte Problem !
Zum Glück wissen die Kaufleute in Porto, wo es gutes Roheisen gibt: Im Baskenland (noch heute das Ruhrgebiet Spaniens.... !
Außerdem ist von großem Vorteil, daß Auftraggeber, Kreditgeber, Spezialisten der Seefahrt und Handwerker so nah wie in Porto beieinander wohnen.
Jedes Detail kann unmittelbar vor Ort besprochen werden.
Für den Plan verwendet man Schablonen und originalgetreue Miniaturen.
Und wie finanziert man diese ungeheuren Kosten der Anschaffungen ?

Ganz einfach zum Glück für Porto:
Die Werft liegt in unmittelbarer Nähe zum Zollhafen, so kann man praktisch und rechtlich abgesichert seine Forderungen mit Beschlagnahme der Ware absichern.

Und für die Mischkalkulation, für die Gegengeschäfte, den Bartertrade, bietet die Vereinigung mit Spanien noch weitere Einnahmequellen, welche bisher den portugiesischen Fischern Arbeit und Lohn brachte.
Portugal hat nämlich einen riesigen Bedarf an Fisch wegen der Vielzahl an Fastentagen !
Die Geschichte des Bacalhau ist vergleichbar mit dem Heringsfang in Nordeuropa und Aufstieg der Hanse .....und nach Abschaffung des Katholizismus in vielen Ländern mit ihrem Niedergang.
Wichtig war, daß Portugal katholisch bleiben mußte (aus Sicht der Fischhändler)
So fing es an:
Fischfang des Baccalhau
in NeufundlandSeit 1504 haben sich Fischer
aus Portugal
aus Viana de Castelo und Aveiro
in Terra Nova (Neufundland) angesiedelt.
Kurios:
Der Bacalhau ist ein großer Fisch, der per Hand, per Angel, einzeln gefangen wurde.
Die kleinen Exemplare warf man früher wieder zurück ins Meer.
So wurde bis vor wenigen Jahren der Bestand an Bacalhau und Seehundbabies bewahrt.
Weil man im Jahr 1504 noch keine Beiboote verwendete, sog. Doris, und keine Anoraks kannte, blieben die Fischer auf dem Boot und um sich vor der Saukälte der Küste Canadas zu schützen, setzte man sich in ein Fass und machte über sich den Deckel zu.....während man darauf wartete, daß ein Baccalhau anbeißt.......

Quelle:
NAPESMAT
Nucleo de Amigos Dos Pescadores de Matosinhos
(Zentrale der Fischerfreunde aus Matosinhos)
siehe: Ausgabe Januar 2008
Obrigado, Dr. Jerónimo Osório de Castro, Danke !
Kurios Ende

1583, Gilbert und Raleigh überfallen die portugiesischen Niederlassungen.
Der Fischfang Portugals der Hochseeflotte kommt bis ins 19. Jahrhundert gänzlich zum Erliegen.
Die Portugiesen müssen ab sofort als Lohnempfänger auf englischen Fischerbooten schuften.
Die Engländer können mit den Frachtkosten jeden Geschäftszweig einer eigenständigen Industrie Portugals abwürgen, weil ihre Angebote billiger sind.
Praktischerweise schliessen sie mit den portugiesischen und spanischen Städten langfristige Belieferungsabkommen von Bacalhau und anderen Bedarfsgütern.
Dank guter Preise erhalten sie obendrein das Monopol, den Alleinvertrieb, zugestanden.

Bemerkung:
Etwa wie Discounter in Europa.
Nachdem allen Fabrikanten untersagt wurde, den Endverkaufspreis ihrer Produkte verbindlich vorzuschreiben, konnten große Investoren beginnen, nach Belieben jeden Markenartikel zu verramschen.
Die Preis Etiketten mußten den Aufdruck haben: "unverbindlich empfohlener Richtpreis".
Kampfpreise bis der Konkurrent Ladenbesitzer pleite war wurden legal.
Wertarbeit lohnte sich nicht mehr.
Die ersten Arbeitsplätze wurden zerstört und wanderten ins Ausland.
Der gesamte Mittelstand an unabhängigen (Fach-) Einzelhändlern ist seither verschwunden.... aber wegen der "billigen Preise" wird das Phänomen Dicounter von allen, welche keinen Durchblick haben, an Krisen und Vogelgrippe glauben und die fatalen Konsequenzen nicht verstehen, als vorteilhaft begrüßt.
Bemerkung Ende

Die Stadt Porto, weil in ihr die Monopoleigner ansässig sind, hat den größten Vorteil.
Das Recht, den gesamten Hofstaat in Lissabon per Jahresvertrag beliefern zu dürfen, erfordert beispielsweise eine Vertragsstrafe im Falle der Nichterfüllung in 3facher Höhe des Kontrakts.
Und zur Sicherstellung müssen dem Staat Garantien geboten werden.
In Porto kennen die Kaufleute solche Konventionalstrafen und wissen mit ihr umzugehen:
Ein Geschäftsfreund, oder mehrere, treten als Bürgen auf, verpfänden hypothekarisch ihre Geschäftshäuser und unterwerfen sich vor einem Notar vertraglich der sofortigen Zwangsvollstreckung.
Solche Vorgehensweisen sind nur in Porto möglich !

Einschub
Mit dem Notarsvertrag hat man automatisch Geld geschöpft !!
Den Liefervertrag (jetzt mit Garantie) legt man in einen Tresor und kann im gleichen Wert aus Klopapier richtiges Geld zaubern !
Wären die Bürgschaften von treulosen Vertragsparteien gemacht, würde das Geld im Umlauf allmählich an Wert verlieren und alle hätten einen Schaden davon.
Die Zuckerbarone in Porto sind in Portugal vergleichbar mit den Livery Companies der City of London heute.
Es hat der Adel in Porto Übernachtungsverbot !
(Die Queen hat bekanntlich in der City Hausverbot und muß brav warten, bis sie jemand begleitet....)
Und in Porto waren treuwaltende Fachleute an den Hebeln der Geld Druckerpresse.
Leider kann man das von den EU Politikern heutzutage nicht behaupten....
Einschub Ende

Gleiche Zuverlässigkeit gilt auch für Forderungen, die ein Warengeschäft im Ausland -z.B. in Antwerpen- betreffen, jedoch wo als Erfüllungsort Porto vorgesehen wurde.
Da kam es manchmal zu heftigen Überraschungen und stets, wenn sofortige Liquidität vonnöten ist, freut man sich, seine Berufskollegen gleich nebenan vorzufinden.
Erstens weil man die Rechtslage kennt, zweitens, weil die Entscheidungsträger erreichbar sind und drittens, weil man die Warengeschäfte mit eigenen Augen beobachten kann.


Handelsverbindungen
der Kaufleute in Porto
Handelsware (ohne Zucker):
Sklaven, Salz, Fisch, Sumach , Wolle
Holz aus dem Baltikum für Fassbinder
via Hamburg !
Einschub:
Im Buch Livro da Redízima da Alfândega (Buch der Durchschriften (?) der Zollbehörde) der Ribeira do Ouro (Flußwiese des Goldes) werden im Zeitraum des Jahres 1679....
257 importierte Sklaven aufgeführt:
  • 156 Molecas (Negermädchen)
  • 101 Moleques (Negerjungen).
Die vielen Fremdarbeiter mit erzwungenem Migrationshintergrund brachten der Stadt kuriose Probleme mit sich:

An dem Brunnen der Straße Rua Cha das Eiras, gebaut in Pyramidenform, prügelten sich alltäglich die Ausländer untereinander.
Der Senado (Stadtrat) erließ daher ein Edital (Vorschrift), wonach galt:

Folgende Wasserträger dürfen morgens zuerst an den Brunnen.
Reihenfolge:
  1. Die Pretos forros (Freigelassenen Schwarzen)
  2. Mulatos e os Índios (Mischlinge und Inder)
  3. Moças brancas (Weisse Mägde)
  4. Escravos Negros e os Galegos ( Schwarze Sklaven und Gallizier)
nota bene: die weissen Mägde und die Stammesbrüder aus Galicien (eigentlich ist Nordportugal bis Coimbra der südliche Teil von Gallicien) müssen sich hinten bzw. ganz hinten anstellen.
Meine Anmerkung: Ähnliche Vorschriften regeln das Vortrittsrecht noch heute in portugiesischen Amtsstuben:
  1. Anwälte
  2. Sekretär/in eines Anwalts (mit Vollmacht)
  3. Freund/in der Sekretärin eines Anwalts (mit Untervollmacht)
  4. Volk (Wartezeit für Normalbürger am besten in Doppelstunden berechnen....)
Unglaublich ist, daß im Aushangkasten bei Behörden dann auch noch die Verfügung zu lesen ist, daß
die Schalterbeamten diese Übereinkunft zwischen dem Juristenverband und dem Verband der Grundbuchbeamten im Falle von Beschwerden den Bürgern erklären sollen, falls möglich (sic !)---
Wer es nicht glaubt, soll selbst nachsehen beim Grundbuchamt in Matosinhos.....
Soweit meine Beobachtung alles andere steht hier:
Quelle:

Jornal de Noticias.
Obrigado Germano Silva, Danke
Kurios Ende

Herkunft der Handelsschiffe
im Hafen von Porto
1704 - 1747

Ursprungshafen der Schiffe
mit Trigo ( Weizen)
Import von Cevada (Gerste)
Anzahl der Schiffe ausserdem:
13 % der Schiffe haben Arroz Reis aus Carolina ("USA")
10 % haben Centeio (Roggen)
oder Mais aus Bordeux

Weil die Kaufleute in Porto jeder so reich wie ein Krösus ist, dachten sich die Kirchenleute immer, wenn für eine Fronleichnam Prozession Geld und Spenden gesammelt wurden unter den Gläubigen, daß vielleicht auch mal jemand von denen sein Scherflein in barer Münze beitragen könnte....
Weit gefehlt !
Die Zuckerbarone, Banker, und Monopoleigentümer gaben kund, für sie gelte die örtliche Umlage und Zahlungspflicht bei Prozessionen nicht.
Sie seien Großkaufleute ohne eigene Verkaufsstätten, für die allein eine Abgabenpflicht gelte.
Ein mercador de sobrado (Kaufmann mit Büro im Stockwerk ?) war tatsächlich von Abgaben befreit.
Sie behaupteten sozusagen hilfsweise noch, daß sie dem Rang eines Adligen gleichgestellt seien.
Und Adlige in Portugal waren selbstverständlich ebenso von kirchlichen Abgaben befreit....

Außerdem habe man all sein Geld im Ausland oder auf See investiert und stünde soeben ohne einen einzigen verfügbaren Groschen und leeren Taschen im Leben....

Die Kaufleute waren eben vom Behalten reich geworden.
Nicht vom Ausgeben !!

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Quellen:

1. Faculdade de Letras Porto
Obrigado,Amándio Jorge Morais Barros, Danke

2. Portuenses e Bascos na Construção do sistema atlantico
Mais uma vez, nochmals, Danke Amándio !!

3. Os mercadores ingleses no Porto
Obrigado, António Barros Cardoso, Danke !

4. Em busca de um mercado integrado
Amándio, excellent !!

1 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ihr Text ist hochinteressant. Ich gratuliere Ihnen - muitos parabens - Leider habe ich es nur heute gesehen. Schreiben Sie weiter.
Von Dieter Dellinger blogger mit História Náutica - http://naval.blogs.sapo.pt und
Contos e Novelas: http://ddblogs.sapo.pt und mehr blogs.
Grüsse
DD

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